Du bist Bayreuth!

2020 – 2021 ganz persönlich von Wolfgang Gruber

2020 war ein wahrlich ver-rücktes Jahr! Vieles war plötzlich anders, vieles war so anders, wie es so vorher niemals möglich erschien.

Wo anfangen? Naja, als Mediziner wäre ist es naheliegend, die Covid19-Krise zuerst Revue passieren zu lassen. Und klar, da kann ja auch keiner dran vorbei!

Nein, ich möchte keine Diskussion über Sinn und Unsinn von Regeln und Vorschriften, die einen Virus abwehren sollen, beginnen! Die eine oder andere Maßnahme war anfangs sicher naiv, aber entschlossenes Handeln war irgendwie indiziert. So fing es an, dieses 2020.

Danach hatte die Menschen nur eines fest im Griff, und das war der Angstvirus. Angst ausgelöst durch fürchterliche Bilder aus Italien, dann aber auch als Stilmittel der Politik und unterstützt von einer Vielzahl von Sensations-Medien. Angst traf dabei auf eine behütete Gesellschaft, in der Krankheit ein Tabuthema und der Tod fast schon zu einer Schuldfrage geworden ist. In meinen Sprechstunden war das zu spüren. Und mir war auch früh klar, diese Angst wird über das Virus hinaus bleiben. Es verändert die Menschen mehr als alles andere!

Plötzlich gab es scheinbar keine Herzinfarkte und Schlaganfälle mehr, selbst Blinddarmentzündungen wurden rar. Der AOK Report für Deutschland brachte das im Herbst 2020 auf den Punkt: Fast ein Drittel weniger Fälle, dafür eine vielfach erhöhte Sterblichkeit im Verhältnis zu den Vorjahren. Es gab also eine Menge Menschen, die irgendwie mit ihrem Schicksal aus dem Fokus geraten waren. Die begleitende Strahlentherapie fand bei Krebspatienten – obwohl heilend – einfach nicht mehr statt, und auch Knochenbrüche oder Verletzungen wurden plötzlich ganz anders behandelt.

Viele Mediziner brachten das auf den Punkt, wenn sie die evidenz-basierte (wissenschaftlich begründete) Medizin am Ende sahen. Kliniken bekamen plötzlich finanzielle Anreize für „leere Betten“ und manche haben – und tun es noch – tatsächlich versucht, sich so zu sanieren. Die Nicht-Behandlung wurde plötzlich besser bezahlt als die Behandlung. Ein Beispiel: Eine 59-jährige Patientin aus Hochfranken wurde 1 Woche mit ihrem gebrochenen Oberarmkopf von einer großen Klinik immer wieder auf morgen vertröstet, schließlich abgewiesen. Das Gelenk war zu diesem Zeitpunkt dann nicht mehr zu erhalten und ich implantierte ihr ein künstliches Schultergelenk.

Für uns Mediziner ist und war es eine schlimme Zeit, aber viel mehr noch für viele alte Mitmenschen und unsere Kinder. Ich werde mich lange an die vielen alten Leute erinnern, die eigentlich nur der Unterhaltung wegen in meine Sprechstunde kamen. Und wir haben uns dann auch unterhalten, weil ich in dem Moment der einzige soziale Kontakt war.

Für meine Kinder (5) war es auch ein schwieriges Jahr: Heiraten unter Corona-Vorgaben, Auslandsstudium in den USA und Spanien ohne soziale Kontakte. Schule mal gar nicht, dann mal zuhause, aber Sport mit Mundschutz. Erstklässler, die mit Maske vor Ihrer Lehrerin sitzen, die sich selbst vor ihren Schülern aus Angst hinter einer Plexiglasscheibe verbirgt. Kinder, die ihre Freunde nicht mehr sehen dürfen, weil das gefährlich ist. Abstandsregeln in der Schule, aber früh im Schulbus 60 Kinder eng an eng stehend. All das sind Situationen, wie ich sie in meiner Familie erlebt habe und viele andere auch. Mit Schaudern denke ich an die Familien, die das alles in einer 2-3 Zimmerwohnung in Berlin oder München aushalten müssen … Also irgendwie auch Jammern auf hohem Niveau.

Trotzdem stellt sich die Frage, wie lange eine Gesellschaft ihren Fokus nur auf 2-3 Prozent ihrer Mitglieder richten kann. Irgendwie wehren wir uns gegen Naturkatastrophen immer erst einmal so, als ob wir sie durch radikale Maßnahmen verhindern könnten. Und jedesmal war die Erkenntnis, wir können es nicht. Wir müssen damit leben! Aber das heißt natürlich auch nicht schutzlos oder unbekümmert. Mein Appell, denken wir auch an die vielen, die in 2020 ihre Existenz ohne jede mögliche Gegenwehr verloren haben und nie mehr richtig auf die Beine kommen werden. Über diese massiven „Kollateralschäden“ informieren uns die RKI-Dashboards und John-Hopkins-Karten dieser Welt nicht, aber diese werden die Welt noch mehr verändern, als wir jetzt erahnen.

Natürlich gab es auch noch anderes in 2020, aber vieles hat seine Bedeutung verloren. In Bayreuth gibt es einen Wandel in der Stadtführung, den sich wirklich viele Stadträte – darunter auch ich – herbei gesehnt haben. Seit Mai ist der Umgang im Stadtrat ruhiger und sachlicher geworden, was nicht zuletzt auch in diesen Zeiten bitter notwendig ist. Bayreuth steht auch ohne Corona-Problematik vor schweren Aufgaben. Der Ausblick auf die Finanzlage der Stadt lässt in den nächsten Jahren so manche unangenehme Diskussion erwarten. Da ist es wichtig, ausgewogen zu bleiben und auch Prioritäten zu setzen. Ich bin optimistisch, dass der neue Stadtrat hier gute Chancen hat, richtig zu handeln.

Abschließend noch ein Wort zu „meiner Herzensangelegenheit“, unserer „Altstadt“ (SpVgg Oberfranken Bayreuth). Nach langen schwierigen Jahren sehen wir trotz Corona optimistisch in das nächste Jahr und hoffen, innerhalb der nächsten zwei Jahre den Rückkehr in den Profi-Fußball wieder zu schaffen. Auch das ist ein Gemeinschaftswerk. Es beginnt bei den vielen kleinen Fußballern und ihren Eltern, die sich unermüdlich bei Wind und Regen an die Rasenkante stellen, und es endet bei den Unternehmen der Region, die uns unterstützen. Auch so ein Fußballverein ist ein „Wir!“, welches wir in 2021 in vielfältiger Form bitter notwendig haben werden.

Bleiben Sie gesund, lassen Sie Ängsten keinen freien Raum und kümmern Sie sich um Ihre Mitmenschen!

Möge es ein besseres 2021 werden!

Ihr Dr. Wolfgang Gruber

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